Khan Academy Vorlesungsreihe „Unternehmertum“ – Interview mit Elon Musk, Teil 1 (2013)

Im Rahmen ihrer Vorlesungsreihe zu „Unternehmertum“ veröffentlichte die Khan Academy am 23.04.2013 auf YouTube dieses von Salman Khan mit Elon Musk geführte Interview. Themen in diesem ersten Teil (Minute 00:00 – 24:16) des knapp 50 Minuten langen Interviews sind unter anderem ein kleines USB-Kabel, das für großen Ärger sorgt, die Beweggründe für die Gründung diverser Unternehmen, warum große Geldbeträge Peanuts sein können, und dass ein Raumfahrtunternehmen nicht aus dem Wunsch nach einer sicheren Geldanlage heraus entsteht. Um zum englischen Transkript des Videos zu gelangen, klicken Sie bitte auf den Link.

Sal Khan: (00:00) Zunächst einmal möchte ich Elon danken, dass er gekommen ist – hungrig. Du hast nicht einmal zu Abend gegessen. Und wir haben Dir noch nicht einmal etwas Ordentliches zu essen angeboten.

Elon Musk: Nein, tut mir leid, dass ich ein bisschen zu spät bin. Ich komme gerade aus der Tesla-Fabrik in Fremont.

Sal Khan: Okay. War etwas nicht in Ordnung?

Elon Musk: Es gibt immer etwas, das nicht läuft.Es gibt immer etwas, das falsch ist. Weil einfach zu viel passiert. Das Kniffligste beim Auto sind die Tausende von Einzelkomponenten – es gibt Tausende von einzigartigen Komponenten – und wenn auch nur eine fehlt, kann man keine Autos bauen. Das heutige Fiasko war also – ich scherze nicht – uns fehlte ein USB-Kabel für 3 Dollar. Okay. Wir konnten also keine Autos fertigstellen, weil…

Sal Khan: Also wurde die ganze Linie gestoppt?

Elon Musk: Ja. Im Wesentlichen, weil es ein Teil des Kabelbaums ist. Man kann den Innenraum nicht ohne dieses Kabel einbauen. Wir könnten also entweder einen ganzen Haufen Autos ohne Innenraum bauen, was bedeutet, dass man sie auf dem Hof stapeln muss.

Sal Khan: Der Wiederverkaufswert wäre nicht gut.

Elon Musk: Nun, das kann man machen, aber wenn dann die Dinge aus der Reihe tanzen… – Es ist einfach viel ineffizienter; man hat keine laufende Produktionslinie. Dann muss man Hundertschaften zu den Autos auf den Lagerplatz schicken. Und dieses ist nun zufällig ein besonders tückisches Kabel. Es ist sozusagen unter dem Teppich verlegt, an einer schwierigen Stelle. Es kostet buchstäblich 3 Dollar. Wir mussten Leute durch die ganze Bay Area schicken, um USB-Kabel zu kaufen.

Sal Khan: Also sozusagen bei Radio Shack?

Elon Musk: Bei Fry’s.

Sal Khan: Oh, Fry’s. Das ist besser.

Elon Musk: (zum Publikum) Sie werden es schwer haben, jetzt ein USB-Kabel bei Fry’s zu bekommen, weil wir jedes einzelne gekauft haben.

Sal Khan: Das ist gut zu wissen.

Elon Musk: Und so sind wir jetzt in der Lage, die Produktion fortzusetzen. Ich will die Anekdote nicht ausschmücken, aber der Lieferant ist in China und wir hatten einen Plan A und einen Plan B. Plan A war der normale Lieferprozess. Aber der Zulieferer schickte uns unsere Teile nicht in einem eigenen Paket, sondern zusammen mit einem Haufen anderer Sachen für andere Firmen, und das alles mit einem extrem langsamen Schiff von China nach LA. Als die Lieferung in LA ankam, wurden die anderen Sachen nicht durch den Zoll gelassen. Also wollten sie unser Zeug auch nicht durchlassen, weil…

Sal Khan: Sie haben es in ein Fass Obst oder so gepackt.

Elon Musk: Ich weiß nicht, wo sie es mit reingepackt haben, aber es war irgendetwas, das dem Zoll nicht gefallen hat. Und der Papierkram war nicht in Ordnung oder was auch immer. Also blieb es dort für ein paar Wochen hängen. Und dann hatten wir einen Plan B. Wir riefen an und sagten: Schaut mal, ihr müsst uns ein paar von diesen Kabeln per Luftfracht schicken – denn es sind nur kleine Kabel. Wir sprachen mit ihrer US-Tochter und bestellten bei der US-Tochter, die das dann nach China weiterleitete. Aber dann, weil es sich um eine weitere Charge von Teilen handelte, also um eine Art Doppelbestellung, wurde das Kreditlimit, das wir hatten, überschritten und die Kabel wurden nicht verschickt.

Sal Khan: Faszinierend. Also verliert jetzt jemand seinen Job. Nein, das war nur ein Scherz. Du sollst niemanden feuern.

Elon Musk: Ich meine, das ist ziemlich lächerlich. Naja, die Kabel kommen heute Abend um 23 Uhr oder so an.

Sal Khan: Wow. Und diese Dinge passieren ständig oder war das ein ungewöhnlicher Umstand?

Elon Musk: Ja. Das ist nur ein Beispiel, aber es gibt viele solcher Vorfälle.

Sal Khan: Ich schätze, das ist ein wirklich gutes Beispiel, denn das führt zu dem, was mich schon immer an vielem, was Du tust, fasziniert hat. Nun, ich fange mal damit an: Wie bist Du dazu gekommen?

Elon Musk: Autos herzustellen?

Sal Khan: Autos zu produzieren. Die NASA zu übernehmen. Nun, nicht die NASA zu übernehmen – ein Auftragnehmer für die NASA zu sein.

Elon Musk: Nur fürs Protokoll: Wir übernehmen die NASA nicht.

Sal Khan: Ihr werdet die NASA nicht übernehmen. Die sind eine unabhängige Organisation. Aber Ihr werdet ein wichtiger Anbieter von Dienstleistungen für die NASA. Dann natürlich eine Art von Internet-Zahlungen und Zahlungen im Allgemeinen. Ich meine, das sind drei völlig unterschiedliche Bereiche. Ich denke, viele Leute würden jemanden nicht ernst nehmen, wenn er einen Geschäftsplan in einem dieser Bereiche hätte.

Elon Musk: Richtig. Tut mir leid, dass ich essen muss. (isst etwas Obst, das ihm angeboten wurde)

Sal Khan: Oh, ja, nimm Dir Zeit. Was war Dein… – dachtest Du schon immer, dass Du das machen würdest, oder – wann dämmerte es Dir, dass Du versuchen würdest, drei Branchen zu revolutionieren?

Elon Musk: Nun, als ich auf dem College war… – Ich habe sowas nicht wirklich erwartet. Es war nicht so, dass sich eine langjährige Erwartung erfüllt hätte. Aber als ich im College war, habe ich darüber nachgedacht, welches die Bereiche sind, die meiner Meinung nach die Zukunft der Menschheit am meisten beeinflussen würden. Die drei Bereiche waren das Internet, nachhaltige Energie und die Erforschung des Weltraums, besonders wenn die Menschheit zu einer multiplanetaren Spezies wird.

Es gibt eine ziemlich deutliche Zweiteilung unserer Zukunft. Entweder sind wir da draußen zwischen den Sternen und leben (05:00) auf mehreren Planeten, oder wir bleiben auf die Erde beschränkt, bis wir zwangsläufig irgendwann aussterben werden. Nicht, dass ich pessimistisch bin, was das Leben auf der Erde angeht. Ich meine, die Dinge werden wahrscheinlich gut sein. Eher gut als schlecht.

Sal Khan: Beim Yellowstone ist alle paar hunderttausend Jahre eine Explosion fällig… Shandra (im Publikum) weiß darüber Bescheid. Es sind inzwischen 700.000 Jahre vergangen.

Elon Musk: Richtig. Stimmt.

Sal Khan: Ein Supervulkan, für die von Ihnen, die das nicht wissen.

Elon Musk: Ja. Ganz genau. Ich weiß genau, wovon Du sprichst.

Sal Khan: Wir lesen die gleichen Bücher. Das kann ich bestätigen.

Elon Musk: Auf jeden Fall. Ich meine, wenn man genug Zeit verstreichen lässt, passiert immer irgendetwas Schlimmes. Und die Zivilisation gibt es erst seit so kurzer Zeit, dass diese Zeitskalen sehr lang erscheinen, aber auf einer evolutionären Zeitskala sehr kurz sind. Eine Million Jahre auf einer evolutionären Zeitskala ist wirklich nicht sehr viel. Und die Erde gibt es seit viereinhalb Milliarden Jahren, also ist das eine ausgesprochen winzige Zeitspanne. Aber für uns wäre das… – kannst Du Dir vorstellen, wenn die menschliche Zivilisation auch nur im Entferntesten mit dem gegenwärtigen Tempo des technologischen Fortschritts eine Million Jahre lang weitermachen würde? Wo wären wir dann? Ich denke, wir wären entweder ausgestorben oder auf vielen Planeten. Das sind die beiden Optionen.

Sal Khan: Aber angesichts dessen – ich meine, das ist irgendwie sehr episch, wenn man so darüber nachdenkt. Wie hast Du das konkret gemacht? Wie wird das zu SpaceX, Tesla und PayPal?

Elon Musk: Nun, ich habe über diese Dinge eher abstrakt nachgedacht. Nicht mit der Erwartung, dass ich tatsächlich eine Karriere in diesen Bereichen machen würde. Aber ich wollte zumindest in einem von ihnen involviert sein. Zuerst dachte ich, dass die besten Chancen bei Elektroautos liegen würden. Das Gebiet, das ich untersuchte, waren also fortschrittliche Kondensatoren, im Wesentlichen Kondensatoren, die eine höhere Leistungsdichte haben als Batterien. Sie haben eine sehr hohe Leistungsdichte, aber eine geringe Energiedichte. Vielleicht haben Sie eine Vorlesung zu diesem Thema, ich weiß es nicht.

Sal Khan: Oh, ja, nein. Das sollten wir anbieten. Wir werden später dazu kommen.

Elon Musk: Ganz genau. Wenn man also einen Kondensator herstellen könnte, der auch nur annähernd die Energiedichte einer Batterie hat, mit dieser unglaublich hohen Leistungsdichte und dieser quasi unendlichen Zyklus- und Kalenderlebensdauer, dann hätte man eine großartige Lösung für die Energiespeicherung und mobile Anwendungen. Also wollte ich daran arbeiten und versuchen, die Ausrüstung, die für die fortschrittliche Chip-Herstellung und Photonik entwickelt wurde, zu nutzen, um ultrapräzise Kondensatoren auf molekularer Ebene herzustellen.

Sal Khan: Und das war, als Du Deinen Doktor machen wolltest? Du hattest einen kurzen Abstecher nach Stanford gemacht?

Elon Musk: Das ist richtig.

Sal Khan: Für einen Doktortitel in angewandter Physik?

Elon Musk: Angewandte Physik, Materialwissenschaft.

Sal Khan: Richtig. Also hast Du schon damals daran gedacht, etwas in diesem Bereich zu machen?

Elon Musk: An sich war das, um an Energiespeicherlösungen für Elektroautos zu arbeiten. Ich hatte bei einer Firma im Silicon Valley namens Pinnacle Research gearbeitet, die fortschrittliche Kondensatoren herstellte. Es waren Elektrolytkondensatoren. Sie waren eigentlich ziemlich gut. Sie hatten eine Energiedichte wie eine Bleibatterie, was für einen Kondensator viel ist. Aber sie benutzten Ruthenium-Tantal-Oxid. Ich glaube, zu der Zeit wurden vielleicht ein oder zwei Tonnen Ruthenium pro Jahr auf der ganzen Welt abgebaut. Das ist also keine skalierbare Lösung. Aber ich dachte, es könnte eine Festkörperlösung geben, z. B. mit einer Chip-Herstellungsanlage. Das sollte die Grundidee sein. Aber ich war mir nicht sicher, ob der Erfolg eines der möglichen Ergebnisse sein würde. Es ist schwierig, das Problem genau einzugrenzen und zu sagen, okay…

Sal Khan: Du hattest also das Gefühl, dass dies ein unausweichlicher Fehlschlag sei. Könnte man das auch so ausdrücken?

Elon Musk: Nein. Ich habe nicht geglaubt, dass es scheitern würde, aber ich war mir auch nicht sicher, ob es ein Erfolg würde.

Sal Khan: Okay. Ja.

Elon Musk: Wenn man etwas in Angriff nimmt, ist die Möglichkeit eines Erfolges generell wünschenswert.

Sal Khan: Richtig, genau.

Elon Musk: Denn natürlich ist Scheitern eine der Möglichkeiten. Aber im Idealfall möchte man, dass der Erfolg im Rahmen der Ergebnisse liegt. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das der Fall ist. Ich denke, Erfolg auf akademischer Ebene wäre ziemlich wahrscheinlich gewesen, weil man irgendeine nutzlose Arbeit veröffentlichen kann. Die meisten Papiere dieser Art sind ziemlich nutzlos…

Sal Khan: Wir haben ein paar – (zum Publikum) nehmen Sie das nicht übel.

Elon Musk: Ich meine, wie viele Doktorarbeiten werden tatsächlich jemals von jemandem genutzt?

Sal Khan: Das ist ein guter Punkt.

Elon Musk: Prozentual gesehen nicht besonders viele. Es hätte eines dieser Ergebnisse sein können, bei denen man dem Baum der Erkenntnis ein paar Blätter hinzufügt. Und auf diesem Blatt würde stehen: nein, es ist nicht möglich. (10:00) Und da gehen sieben Jahre meines Lebens dahin. Das war eine Möglichkeit. Und ich war bereit, das zu tun.

Aber dann kam das Internet auf. Beim Internet war ich mir ziemlich sicher, dass Erfolg eines der möglichen Ergebnisse wäre, und es schien, als könnte ich entweder einen Doktortitel machen und zusehen, wie das Internet entsteht, oder ich könnte dabei sein und es in irgendeiner Weise mitgestalten. Mir gefiel der Gedanke nicht, nur zuzusehen. Also entschied ich mich, meine anderen Pläne auf Eis zu legen und eine Internet-Firma zu gründen. Wir entwickelten eine Internet-Publishing-Software, Karten und Wegbeschreibungen, Gelbe Seiten, diese Art von Dingen. Und wir hatten als Investoren und Kunden Medienunternehmen wie die New York Times Company, Knight-Ridder…

Sal Khan: Das war im Anfangsstadium. Ich meine, das war etwa Ende neun…

Elon Musk: ’95.

Sal Khan: ’95. Das war wirklich früh, also wirklich die frühesten Anfänge.

Elon Musk: Ja, absolut. Dann haben wir… wir arbeiteten mit den Medienunternehmen zusammen, weil wir Geld brauchten. 1995 gab es kein Geld für Werbung. Tatsächlich erschien den Leuten die Idee, im Internet zu werben, als lächerliche. Bekanntermaßen ist sie das heute nicht mehr. Aber zu der Zeit war dies ein sehr ungewöhnlicher Vorschlag. Viele Medienunternehmen waren sich nicht einmal sicher, ob sie online sein sollten. Sie sahen keinen Sinn darin.

Sal Khan: Dachtet Ihr, dass PayPal nur eine einfache, kleine Internet-Möglichkeit sein würde… oder war Euch bewusst, dass sich das zu dieser großen Art von Transaktions-Verarbeitungsmaschine entwickeln würde, die es jetzt ist?

Elon Musk: Ich habe nicht mit so einer hohen Wachstumsrate gerechnet. Das war tatsächlich ein großes Problem. Wir haben PayPal auf der University Avenue gestartet. Wir hatten bereits circa einen Monat nach Aktivierung der Webseite 100.000 Kunden.

Sal Khan: Wirklich? So schnell. Wow, mir war nicht klar, dass es…

Elon Musk: Ja, es war verrückt.

Sal Khan: Wie hat es angefangen? Woher wussten die Leute überhaupt, dass sie es benutzen sollten? Es müssen schließlich sowohl Käufer als auch Verkäufer involviert sein.

Elon Musk: Ja. Nun, wir begannen damit, dass wir den Leuten 20 Dollar anboten, wenn sie ein Konto eröffneten. Und 20 Dollar, wenn sie jemanden warben. Dann haben wir das auf 10 Dollar gesenkt. Und dann auf 5 Dollar. Als das Netzwerk immer größer wurde, überstieg der Wert des Netzwerks selbst jede Art von Zuckerbrot, das wir anbieten konnten.

Sal Khan: Wie viel Geld habt Ihr mit dieser Art von 5-, 10-, 20-Dollar-Anreiz ausgegeben, um diese kritische Masse in Gang zu bringen?

Elon Musk: Das war eine ordentliche Summe. Ich schätze, es waren ungefähr 60 oder 70 Millionen Dollar.

Sal Khan: Oh, wow, okay. Es war also beträchtlich. Okay, wir reden hier nicht von Peanuts.

Elon Musk: Das hängt vom Maßstab ab. Es sind Peanuts für Google.

Sal Khan: Das ist richtig.

Elon Musk: Es sind Peanuts. Google hat 50 Milliarden Dollar, Apple hat 150 Milliarden Dollar, eine verrückte Menge an Geld. Das ist nur das Bargeld.

Sal Khan: Okay, das war also kein unheimlich hoher Betrag. Mir war nicht bewusst, dass das sozusagen im normalen Bereich liegt.

Elon Musk: 1% von Googles Cash wären 500 Millionen Dollar. Das waren also gerade mal  0,1%.

Sal Khan: Das ist wahr. Du hast recht, das ist preiswert. Es ist nicht der Rede wert.

Elon Musk: Im Vergleich zu denen war es ziemlich wenig Geld.

Sal Khan: Das ist richtig.

Elon Musk: Und dann haben wir eine Reihe von Dingen getan, um die Reibungsverluste zu verringern. Es ist wie mit Bakterien in einer Petrischale. Man versuch, dass ein Kunde etwa zwei Kunden generiert. Okay? Oder so etwas in der Art. Vielleicht drei Kunden, im Idealfall. Und das soll möglichst schnell passieren. Man könnte das sozusagen durch das Wachstum von Bakterien in einer Petrischale darstellen. Es breitet sich sehr schnell aus, bis es den Rand der Petrischale trifft, und dann verlangsamt sich der Prozess.

Sal Khan: Und dann, nach Paypal… – Bis zu einem gewissen Grad verstehen wir – besonders wir im Silicon Valley – das Internet irgendwie. Wir kennen Leute. Paypal hat eine bemerkenswerte Größenordnung erreicht. Aber SpaceX scheint einfach wirklich… – Nun, wie hast Du entschieden, dass Du das auf jeden Fall machen wirst? Und was ist das erste, was man tun muss? Wie geht man überhaupt raus… Ich weiß nicht einmal, wie man anfängt, eine Raketenfirma zu gründen.

Elon Musk: Nun, ich auch nicht wirklich. In der Tat sind die ersten drei Raketenstarts fehlgeschlagen. Es ist also nicht so, dass alles lief wie geschmiert. Es lief eher ziemlich holprig an.

Sal Khan: Aber selbst nur eine Rakete zu starten, an diesen Punkt zu kommen. Ich weiß nicht einmal, wie man dorthin kommt? Wie hast Du das entschieden? Und was hast Du dann am ersten Tag getan? Wen hast Du angerufen? Hast Du einen Plan geschrieben? Hast Du angefangen… ich weiß nicht einmal, was.

Elon Musk: Eigentlich ist der Ursprung von SpaceX, dass ich versucht habe, herauszufinden, warum wir keine Menschen zum Mars geschickt haben. Denn der offensichtliche nächste Schritt nach Apollo war, Menschen zum Mars zu schicken. Was aber tatsächlich passierte, war, dass wir ein paar Menschen zum Mond geschickt haben, und danach haben wir niemanden mehr zum Mond oder zum Mars oder sonst etwas geschickt. Aber wenn man die Leute 1969 gefragt hätte, wie das Jahr 2013 aussehen würde, hätten sie gesagt, (15:00) es wird eine Basis auf dem Mond geben. Wir hätten zumindest ein paar Leute zum Mars geschickt. Und vielleicht gäbe es sogar eine Basis auf dem Mars. Es gäbe so etwas wie Weltraumhotels im Orbit. Und es gäbe all diese fantastischen Dinge im Weltraum. Das ist es, was die Leute erwartet haben.

Und dann sagst Du, na ja, ganz ehrlich, im Jahr 2013 werden die Vereinigten Staaten nicht in der Lage sein, jemanden in den Orbit zu schicken. Aber es wird dieses Gerät in Ihrer Tasche geben, das etwa so groß ist wie ein Kartenspiel, das Zugang zu allen Informationen der Welt hat, und Sie können mit jedem auf dem Planeten Erde sprechen. Selbst wenn Sie irgendwo in einem abgelegenen Dorf sind, solange es etwas gibt, das sich Internet nennt – sie wüssten natürlich nicht, was das bedeutet – dann wären Sie in der Lage, mit jedem sofort zu kommunizieren und hätten Zugang zum gesamten Wissen der Menschheit. Die Leute hätten gesagt: „Blödsinn. Sowas wird es auf keinen Fall geben.“

Sal Khan: Richtig.

Elon Musk: Und doch haben wir alle das. Und Weltraum findet nicht statt. Also habe ich versucht, herauszufinden, was hier los ist. Das war 2001. Ein Freund von mir hat mich gefragt, was ich nach PayPal machen werde. Ich sagte, nun ja, ich habe mich schon immer für den Weltraum interessiert, aber ich glaube nicht, dass es irgendetwas gibt, was ein Einzelner im Weltraum anstellen könnte, weil das die Sache der Regierungen ist, und normalerweise von großen Regierungen. Aber ich bin neugierig, wann wir jemanden auf den Mars schicken werden. Also habe ich auf der NASA-Webseite nachgeschaut. Ich konnte aber nichts dazu finden. Ich dachte mir, entweder bin ich schlecht darin, auf die Website zu schauen, oder sie haben eine schreckliche Website, denn es muss doch ein Datum geben.

Sal Khan: Das sollte ein Datum sein, das einem ins Auge springt.

Elon Musk: Ja. Das sollte auf der Titelseite stehen. Dann entdeckte ich, dass die NASA gar keine Pläne hatte, Menschen zum Mars oder auch nur wieder zum Mond zu schicken. Das war wirklich enttäuschend. Ich dachte, na ja, vielleicht ist das eine Frage des nationalen Willens. Vielleicht müssen wir die Menschen wieder für den Weltraum begeistern und versuchen, so der NASA ein größeres Budget zu verschaffen – und dann würden wir Menschen zum Mars schicken. Also begann ich zu recherchieren, mich mehr mit dem Weltraum zu beschäftigen und viele Bücher zu lesen.

Ich kam auf die Idee, eine so genannte Mars-Oase zu organisieren, d.h. ein kleines Gewächshaus mit Samen in dehydriertem Gel sollte zum Mars geschickt werden und bei der Landung hydratisiert werden. So hätte man grüne Pflanzen auf einem roten Hintergrund. Die Öffentlichkeit reagiert auf Präzedenzfälle und Superlative. Es wäre also das erste Leben auf dem Mars, das bisher am weitesten gereiste Leben. Und Sie hätten dieses tolle Bild von grünen Pflanzen auf rotem Hintergrund. Das sollte die Menschen doch ziemlich begeistern. Also fing ich an, mich damit zu beschäftigen und zu überlegen, ob ich es mir leisten kann, ein Raumschiff zu bauen. Denn ich hatte zwar etwas Geld durch PayPal, aber diese Mission musste in dieses Budget passen. Außerdem mussten wir zwei Missionen planen, denn wenn wir nur eine machten und die scheiterte, dann hätte das den gegenteiligen Effekt haben können.

Sal Khan: Aber Du warst bereit, sozusagen alles auf diese Karte zu setzen?

Elon Musk: Ich war bereit, die Hälfte des Geldes, das ich durch PayPal besaß, auszugeben, ohne eine Rendite zu erwarten. Ich war überzeugt, dass dies einfach etwas ziemlich Wichtiges ist, und ja, es schien, dass ich die Hälfte des Geldes, das ich bei PayPal verdient hatte, dafür ausgeben könnte. Und wenn das der NASA ein größeres Budget verschaffte und dazu führte, dass wir zum Mars fliegen, wäre das ein ziemlich gutes Ergebnis.

Sal Khan: Als Deine Freunde oder Deine Familie auf Dich zukamen und sagten, schau, es gibt Nationen, die das nicht können – Du bist eine einzelne Person. Zugegeben, Du hast einige Mittel, aber… – Was hast Du gesagt oder getan oder gedacht?

Elon Musk: Viele Freunde von mir haben versucht, mir die Gründung einer Raketenfirma auszureden, weil sie es für verrückt hielten. Und ein Freund von mir hat mich dazu gebracht, mir ein Video von explodierenden Raketen anzusehen. Es gab einfach viele Leute, die das für eine wirklich verrückte Idee hielten. Und es gab einige, die versucht hatten, Raketenfirmen zu gründen – ohne Erfolg. Sie versuchten, es mir auszureden. Aber die Sache ist die – ihre Prämisse, um es mir auszureden, war, naja, „Wir denken, Du wirst das Geld, das du investierst, verlieren.“ Ich sagte: „Nun, das war sowieso meine Erwartung, also macht es mir nichts aus, wenn ich es verliere.“ Natürlich macht es mir etwas aus, aber ich meine, es ist nicht so, dass ich versucht habe, die beste Art und Weise herauszufinden, wie man Geld am gewinnbringendsten investiert, und mich auf dieser Basis für die Raumfahrt entschieden habe. Es ist nicht so, dass ich dachte, wow…

Sal Khan: Du hast also ein Raketenunternehmen nicht im Zusammenhang mit Geldmarktanleihen oder AAA-Anleihen gesehen.

Elon Musk: Ich hätte in Immobilien investieren können. Ich könnte in die Schuhherstellung investieren. In alles. Und ich war sicherlich nicht der Ansicht, dass die Raumfahrt den höchsten ROI (Return on Investment) bietet- das ist nicht das, was ich… – das war nicht die Prämisse. Ich fand es nur wichtig, dass die Menschheit über die Erde hinaus expandiert, und das taten wir nicht; also hätte ich vielleicht die Möglichkeit, das irgendwie voranzutreiben. Dann gelang es mir, die Kosten für die Raumkapsel und alles andere auf eine relativ überschaubare Zahl zu drücken. Aber ich blieb bei der Rakete hängen. Die US-Raketen waren viel zu teuer. Am Ende bin ich nach Russland gegangen. (20:00) Ich bin dreimal nach Russland geflogen, um über den Kauf einer Interkontinentalrakete zuverhandeln. Ich habe versucht, zwei der größten Interkontinentalraketen der russischen Flotte in den Jahren 2001 und 2002 zu kaufen. Und ich habe tatsächlich einen Preis ausgehandelt.

Sal Khan: Ich werde diese Aussage einfach stehen lassen. Ich werde nicht einmal… – Nun, eigentlich muss ich… – Wen hast Du dafür angerufen?

Elon Musk: Man schlägt die Gelben Seiten auf und sucht nach „Interkontinentalrakete“.

Sal Khan: Wie funktioniert das… – Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich möchte das jetzt genauer wissen. Du hast also irgendwann entschieden, dass Du eine Interkontinentalrakete kaufen musst?

Elon Musk: Ja. Nun, eigentlich wollte ich zuerst nur eine normale Trägerrakete kaufen, mit der man Satelliten startet, aber die sind zu teuer.

Sal Khan: Ich verstehe.

Elon Musk: Die Boeing Delta II hätte pro Stück 65 Millionen Dollar gekostet, zwei wären also 130 Millionen Dollar gewesen. Das hätte bereits mein Budget gesprengt. Ich habe versucht, zu verhandeln, aber ohne Erfolg.

Sal Khan: Wie viel kostet eine Interkontinentalrakete? Ich bin neugierig. Was ist der Marktpreis für eine davon?

Elon Musk: Nun…

Sal Khan: Das war direkt nach der Finanzkrise; der Preis könnte gestiegen sein.

Elon Musk: Ja, die Preise sind seither stark angestiegen. Aber im Jahr 2001 hätte jede etwa 10 Millionen Dollar gekostet. Zwei hätten 20 Millionen Dollar gekostet. Und dann dachte ich, ich könnte den Rest der Mission auch auf etwa 10 Millionen Dollar pro Stück herunterbringen, so dass wir eine Doppelmission mit zwei identischen Starts, zwei identischen Raumfahrzeugen für etwa 40 Millionen Dollar hätten. Und ich dachte, okay, das kann ich machen.

Sal Khan: Aber Du musst doch so etwas wie Raketenwissenschaftler gehabt haben, die Dich zu diesem Zeitpunkt beraten haben? Das hört sich an, als wäre es Dir ernst gewesen. Ich meine, Du warst…

Elon Musk: Ja. Ich engagierte eine Reihe von Beratern und begann, mich irgendwie mit der Raumfahrtindustrie vertraut zu machen. Aber dann, nach der dritten Reise nach Russland, wurde mir klar, dass ich mit meiner ersten Prämisse – also, dass es an Willen mangelt – eigentlich falsch lag. Tatsächlich gibt es in den Vereinigten Staaten einen enormen Willen zur Erforschung des Weltraums. Denn die Vereinigten Staaten sind im Grunde eine Nation von Entdeckern. Ich meine, es ist eine Destillation des menschlichen Geistes der Erforschung.

Daher war es natürlich ziemlich dumm von mir zu denken, dass es den Leuten an Motivation mangelt. Aber die Menschen möchten nicht für so viel Geld Leute zum Mars schicken, dass sie die Gesundheitsversorgung aufgeben müssen oder so. Das werden sie nicht tun. Es muss so sein, dass die Reise zum Mars nicht zu einem bedeutenden Rückgang des Lebensstandards führt. Wenn es also nur ein Viertelprozent oder ein halbes Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist – dann ist so etwas vertretbar. Wie auch immer, ich dachte, okay, diese Mission wird vielleicht doch nicht den Unterschied machen, denn was wirklich zählt, ist einen Weg zu haben. Ich hatte mich geirrt; ich dachte, es gäbe nicht genug Willen, aber es gab tatsächlich genug Willen, sobald die Menschen sahen, dass es einen Weg gibt.

Mir wurde klar, dass ich an der Art und Weise arbeiten musste. Wie schwer ist es tatsächlich, eine Rakete zu bauen? Historisch gesehen waren alle Raketen teuer, also werden auch in Zukunft alle Raketen teuer sein. Aber eigentlich ist das nicht wahr. Woraus besteht eine Rakete? Sie besteht aus Aluminium, Titan, Kupfer, Kohlefaser, wenn man in diese Richtung gehen will. Und man kann die Rohmaterialkosten all dieser Komponenten aufschlüsseln. Wenn man sie auf dem Boden gestapelt hat und einen Zauberstab schwingen könnte, so dass die Kosten für die Neuanordnung der Atome gleich Null wären, was wären dann die Kosten der Rakete.

Und ich dachte mir, wow, das ist wirklich wenig. Das sind 2% von dem, was eine Rakete kostet. Es liegt also eindeutig daran, wie die Atome angeordnet werden. Man muss herausfinden, wie man die Atome viel effizienter in die richtige Form bringen kann. An diversen Samstagen traf ich dann ein paar Leute, von denen einige noch bei den großen Raumfahrtunternehmen arbeiteten, nur um herauszufinden, ob es hier einen Haken gibt, den ich übersehen habe. Ich konnte keinen finden. Es schien keinen Haken zu geben. Also habe ich SpaceX gegründet. (24:16)

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